|
in creativ verpacken 5/2010
Schwerpunktthema
Convenience
- unter anderem
- Genussvolle Convenience?
- Haute Cuisine – ganz bequem!
- Mehrweg mit Mehrwert
- Wenn der Beutel zum Becher wird …
Topthema
Was kommt nach dem Konsum?
Man stelle sich vor, es gebe einen „Flashmob“*, damit Konsumenten weltweit einen Tag lang dem Konsum entsagen. Wäre das der Untergang der westlichen Wirtschafts-Kultur?
Zunächst bedeutet Wirtschaften doch Haushalten und nicht Konsumieren. Zur Zeit findet lediglich eine Verlagerung der Absatzmärkte in die aufstrebenden Wirtschaftsregionen dieser Welt statt – mit quasi „alten“ Produktideen neugierige Käuferschichten in Fernost begeistern: eine nicht gerade innovative Wirtschafts-Kultur, denn Technik von heute könnte dort schon als Technik von gestern ankommen!
Vor allem zwei Gründe sprechen in unseren Breitengraden für eine sich ändernde Konsum-Kultur: zum einen existieren in den hochindustrialisierten Ländern extrem gesättigte Märkte, in denen es zunehmend schwerer fällt, durch Produktneuheiten und Innovationen den Massen-Konsum-Motor am Laufen zu halten (zumal im Zuge einer fortlaufenden Nachhaltigkeitsbewegung und CO2-Sensibilisierung Produzenten und Verbraucher ihr Wirtschaftshandeln ändern oder zwangsläufig ändern müssen!); zum anderen wächst die sogenannte Generation der „Zuspätgeborenen“ als nächste Käuferschicht heran. „Wir sind zu jung to Rock'n Roll“ singen die 20jährigen Mitglieder der Chemnitzer Band Kraftklub und drücken dadurch ihre Resignation im Auflehnungskampf (Differenzierung) gegen die Elterngeneration aus. Die Botschaft lautet hier: alles schon mal dagewesen, alles schon passiert.
Die kommende Ü30-Generation wird nicht mehr solche Heißhungergefühle für Konsumgüter aufkommen lassen, wie noch ihre Vorgänger. Ein gewisser Teil der Kunden übt sich bereits im Abstand wahren gegenüber dem Massenmarkt. Dieser Abstand zum Markt, der auch durch eine räumlich-persönliche Entfremdung (Online-Konsum) entsteht, begründet eine wesentlich andere Form des Konsumierens – mit anderen Attitüden.
„Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ lautet der Bestseller des Essayisten Richard David Precht, der auf der Spiegel-Liste der meistgekauften Sachbücher seit nunmehr zwei Jahren zu finden ist und im Juli 2010 dort immerhin noch auf Platz fünf stand. In seinem Buch behandelt Precht Fragen wie: Was ist Wahrheit? Was ist Sprache? Gibt es Gott? Darf man Tiere essen? Brauchen wir Eigentum? … Fragen, die die Menschen bewegen und weitere Gedankengänge produzieren, die einem wachsenden Bedarf nach fairem und (verantwortungs-)bewusstem Konsum nicht im Wege stehen dürften.
Ebenso wie beim großen Thema Nachhaltigkeit beginnt die Änderung immer bei ihm selbst und seinen Taten – dies wird den Verbrauchern bewusst. Zwar klafft auch hier noch eine (große) Lücke zwischen Wollen und Handeln. Jedoch ist es wenig sinnvoll, das Thema auf andere zu verlagern, zum Beispiel die Verpackungsbranche oder die Lebensmittelhersteller. Der Weg ist eben auch hier das Ziel.
JH
*Flashmob: im ursprünglichen Sinne ein spontaner Menschenauflauf, organisiert über Online-Communities, um kollektiv eine bestimmte Aktion in der nicht-virtuellen Welt durchzuführen.
Editorial
Wie tickt die Schweiz?
Design
Designerumfrage
Welches ist für Sie das klassische Convenience-Produkt?
Portrait
Ruska Martin Associates, Berlin
Markenführung
„… so wie die Zutaten die Kekse verfeinern …“
Regelmäßige Kolumnen, unter anderem
- vom Institut für Markentechnik
- aus der Marktforschung
- über Konsumentenpsychologie
- vom EHI Retail Institute über neue Entwicklungen im Handel
Ausserdem
- Lesen und Nachschlagen
- Neu in Papier und Karton
- Entdeckt: Meldungen, Agentur-Ticker, Auszeichnungen, Veranstaltungen
Aus dem Jubiläumssonderteil der 100. Ausgabe von creativ verpacken
Interview
Verpackung als Aushängeschild: Verpackungs- und Materialhersteller
bekennen Farbe
Pago | Tetra Pak | Stora Enso | Merck | Brigl & Bergmeister
Andreas Homola
Marketing- und Vertriebsleiter Produktdekoration International
Pago Etikettiersysteme GmbH, Aichtal
1. Wo steht aus Ihrer Sicht die Verpackung im sogenannten Marketing-Mix?
Im Verkaufsregal wird sofort deutlich, wie positiv sich eine gelungene
Verpackung auf den Erfolg eines Produkts auswirken kann. Die Verpackung
transportiert die inneren Werte des Produkts sichtbar für die
Konsumenten nach außen. Allerdings müssen Konzept und Wertigkeit der
Verpackung stimmig zum Inhalt sein.
2. Was war die interessanteste Neuentwicklung Ihres Unternehmens im Verpackungsbereich seit Oktober 1996?
In
diesem Zeitraum haben sich aus unserer Sicht zwei wesentliche
Entwicklungen herausgebildet: Der Einsatz von hochpigmentierten
Metallex-Druckfarben hat im Etikettendruck deutlich zugenommen.
Aufgrund der besonderen Oberflächengüte der Metallex-Druckfarben
stellen diese eine wirtschaftliche Alternative zur vergleichsweise
aufwendigen Folienprägung dar. Heute setzt Pago bei vielen Projekten
Metallex-Druckfarben für hochwertige Druckbilder ein.
Desweiteren kombiniert Pago diese Technik mit der Konterbedruckung von
Folien und der anschließenden Inline-Beschichtung mit Haftklebstoffen.
So können wir verschiedene Arten von Monofolien verwenden, die sonst
nicht für Haftverbunde eingesetzt werden. Wir sind dadurch in der Lage,
Selbstklebeetiketten beidseitig mit allen Druckverfahren zu bedrucken.
Somit entstehen völlig neue Anwendungsmöglichkeiten, die von den
Kreativabteilungen unserer Kunden vielfältig genutzt werden können.
Der Einsatz von hochpigmentierten Metallex-Druckfarben hat im Etikettendruck
deutlich zugenommen. (Foto: Pago)
3. Wie könnte die Verpackung das Produktmarketing in Zukunft noch deutlicher unterstützen?
Speziell
die vielfältigen Möglichkeiten bei Haftetiketten bringen zunehmend mehr
Emotionen ins Verkaufsregal. Neben den rein visuellen werden verstärkt
auch haptische Effekte auf Verpackungen umgesetzt, beispielsweise
Relief- und Strukturlacke sowie Spezialfolien.
Zurück zum Überblick über die Interview-Partner
Dr. Alfred Zopf
Geschäftsführer
Tetra Pak GmbH & Co KG, Hochheim
1. Wo steht aus Ihrer Sicht die Verpackung im sogenannten Marketing-Mix?
Ganz weit oben! Allein aufgrund ihrer Schutzfunktion ist sie ein
unverzichtbarer Teil eines jeden Produkts. Gleichzeitig dient sie aber
auch als „Aushängeschild“ – das heißt, die Verpackung lenkt den Blick
des Kunden auf das Produkt. Eine Kaufentscheidung wird ja durch
visuellen Kontakt entscheidend beeinflusst.
2. Was war die interessanteste Neuentwicklung Ihres Unternehmens im Verpackungsbereich seit Oktober 1996?
Da wir Innovation als Kernaufgabe verstehen, haben wir natürlich auch
in den letzten Jahren eine Vielzahl interessanter Neuentwicklungen
hervorgebracht. Ich möchte mich hier auf zwei beschränken. Erstens die
DIMC-Technologie: Wir haben es geschafft, Verschlüsse aus
Kunststoffgranulat direkt in der Abfüllmaschine auf das
Verpackungsmaterial zu spritzen. Damit ist der Spagat gelungen, den
Abfüllern niedrigste Kosten und den Konsumenten höchste Convenience zu
bieten. Und zweitens unsere einzigartige Tetra Top: sie verbindet einen
Kartonmantel mit einem Kunststoffoberteil und vereint die Anmutung
einer Flasche mit den Vorteilen von Kartonverpackungen.
Tetra Top verbindet einen Kartonmantel mit einem Kunststoffoberteil
und vereint die Anmutung einer Flasche mit den Vorteilen von
Kartonverpackungen. (Foto: Tetra Pak)
3. Wie könnte die Verpackung das Produktmarketing in Zukunft noch deutlicher unterstützen?
Ganz wichtig wird das Thema Nachhaltigkeit sein: Verbraucher werden
verstärkt ökologisch sinnvolle Produkte fordern. Der Karton, der ja zum
größten Teil aus nachwachsenden Rohstoffen besteht, kann daher die
Reputation eines Produkts in hohem Maße stärken.
Zurück zum Überblick über die Interview-Partner
Öystein Aksnes
Vizepräsident Marketing und Verkauf
Stora Enso
1. Wo steht aus Ihrer Sicht die Verpackung im sogenannten Marketing-Mix?
Verpackung ist weit mehr als nur die funktionale Schutzhülle für
Produkte. Vielmehr ist die Verpackung der Botschafter der Marke am
Point of Sale, der Ort, an dem die Mehrzahl der Konsumenten Ihre
Kaufentscheidung treffen. Qualitativ hochwertige Kartonverpackungen
bieten die beste Grundlage für aufmerksamkeitsstarke Abbildungen und
werden intuitiv bevorzugt, weil sie als sympathisch und nachhaltig
wahrgenommen werden.
2. Was war die interessanteste Neuentwicklung Ihres Unternehmens im Verpackungsbereich seit Oktober 1996?
Der kontinuierliche Prozess bei Stora Enso lautet „thinking outside the
box“, das über den Tellerrand hinaussehen, um für unsere Kunden den
bestmöglichen Erfolg zu erzielen. Stora Enso ist der Marktführer bei
leichteren Kartongrammaturen ebenso bei der Entwicklung leichterer
Karton-Flächengewichte . Dies bedeutet permanente Weiterentwicklung bei
Steifigkeit sowie Gewichtsreduktion und Einsparungen bei Rohmaterial
und Kosten.
Als Höhepunkte sollen hier Tambrite mit reduziertem Gewicht bei
gleichbleibender Steifigkeit, der neue Performa Bright oder der noch
weiter verbesserte Ensocoat in der Luxusklasse genannt werden. Unser
biopolymer-beschichtete Karton findet für Becher und Tiefkühlkost
Verwendung.
Muster der Neuen Ensocoat-Qualität, die im Januar 2010 dem Markt vorgestellt wurde. (Foto: Stora Enso)
3. Wie könnte die Verpackung das Produktmarketing in Zukunft noch deutlicher unterstützen?
Wir sehen ein starkes Interesse an recyclefähigen und
nachwachsenden Produktlösungen. Unserer Produkte bieten
klimafreundliche Alternativen. Wir sehen, dass es immer zahlreiche
ungenutzte Potentiale gibt und wir wertschätzen das Vertrauen, das
viele Kunden in uns setzen. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass
es sich für alle Beteiligten auszahlt, wenn wir trilateral in das
Gespräch zwischen Faltschachtelhersteller und Markenartikler
eingebunden werden.
Zurück zum Überblick über die Interview-Partner
Dr. Corinna Ludwig
Head of Global Marketing Pigments Printing & Plastics
Merck KGaA, Darmstadt
1. Wo steht aus Ihrer Sicht die Verpackung im sogenannten Marketing-Mix?
Im Zeitalter des Social Networking scheint es, dass das Thema
Verpackung im Marketing-Mix in den Hintergrund rückt. Nach meiner
Ansicht ist das aber nur sehr eingeschränkt richtig, ein Konsument
strebt heute mehr denn je nach einem Erlebnis am Point of Sale, um
Einkaufsmoment und Produkterlebnis als einen Zeitpunkt nur für sich zu
erleben. Das Streben nach Individualität des Einzelnen einerseits und
die Sehnsucht nach Gemeinsamkeiten und sozialen Bindungen andererseits,
wenn heute auch oft virtuell, stellen an die Verpackung im
Marketing-Mix neue Anforderungen. Die Verpackung ist und bleibt eine
der wichtigsten Marketing-Werkzeuge – wenn auch deren Ausrichtung im
gesellschaftlichen Umfeld grundlegend überdacht werden muss.
2. Was war die interessanteste Neuentwicklung Ihres Unternehmens im Verpackungsbereich seit Oktober 1996?
Neben der Weiterentwicklung unserer Iriodin®-Serie haben wir in den
letzten Jahren verstärkt innovative dekorative Effektpigmente auf dem
Markt eingeführt. Hier zu nennen sind unsere Colorstream®- und
Miraval®-Serien, die changierende Farbwechsel beziehungsweise
transparentes Glitzern zeigen. Darüber hinaus setzen wir im Rahmen von
strategischen Partnerschaften sowohl für Druck- und Kunststoff, als
auch für den Marken- und Produktschutz, darauf, an technologischen
Entwicklungen für die Verpackungsindustrie beteiligt zu sein. Das sind
„Neuentwicklungen“ aus einer anderen Perspektive, die aber wichtige
Impulse in die Verpackungsindustrie gegeben haben.
Dekorative Effektpigmente verleihen Produkten und Verpackungen neuen
Glanz: Stylings in Form der Kunststoff-Waves inklusive Colorstream
Royal Damask und Pacific Lagoon. (Foto: Merck)
3. Wie könnte die Verpackung das Produktmarketing in Zukunft noch deutlicher unterstützen?
Ein multisensorisches Erlebnis beim Konsumenten zu erreichen, das muss
das Ziel sein. Die Gestaltung eines Verpackungskonzepts sollte stets
nach dem Motto „match the inside with the outside“ erfolgen. Das
garantiert Erfolg, denn es transportiert die Botschaft des Objekts in
das Auge des Betrachters. Aussichtsreich sind weiterhin
Verpackungskonzepte, die eine Kombination aus unerwarteten und
bekannten Elementen darstellen. Dieses Verfahren muss stärker ausgebaut
werden und zu einem Umdenken im kreativen wie auch im
produktionstechnischen Bereich führen.
Zurück zum Überblick über die Interview-Partner
Friedrich Tschoggl
Marketingleiter
Brigl & Bergmeister, Niklasdorf/Österreich
1. Wo steht aus Ihrer Sicht die Verpackung im sogenannten Marketing-Mix?
Mehr
als je zuvor steigt die Bedeutung der Verpackung in der
Kommunikationspolitik bei den FMCG (fast moving consumer good) an. In
unserer Informations-überladenen Gesellschaft wird es immer schwieriger
vom Konsumenten wahrgenommen zu werden. Die Verpackung, besonders das
Etikett hat nachweislich den größten emotionalen Einfluss auf die
Kaufentscheidung der Konsumenten. Aus Sicht von Brigl & Bergmeister
wird die Bedeutung von den Markenartikelherstellern immer noch
unterschätzt. Das sieht man ganz deutlich, wenn man den Anteil, den die
Markenartikelhersteller für Packungsdesign und Materialauswahl im
Verhältnis zu klassischer Anzeigenwerbung setzt.
2. Was war die interessanteste Neuentwicklung Ihres Unternehmens im Verpackungsbereich seit Oktober 1996?
B&B hat in verschiedenen Bereichen der Getränke- und
Nahrungsmittelverpackung neue Produkte am Markt platziert. Natürlich
sind die letzten Babys jene, die einem besonders am Herzen liegen. So
haben wir im vergangenen Jahr mit unserem Nikla Pet Sortiment,
Etikettenpapiere die für die Rundumetikettierung von PET-Flaschen
eingesetzt werden, ganz besondere Akzente bei der Nachhaltigkeit setzen
können. Das mit Nikla Pet Web mögliche Einsparungspotential bei den
CO2-Emissionen ist gewaltig. Dazu ist dieses Etikettenpapier biologisch
abbaubar. Das sind nur einige Fakten für die Konsumenten heute sensibel
sind und dem Markenartikelanbieter eine Chance geben, sich positiv zu
differenzieren.
Mit Etikettenpapieren für die Rundumetikettierung von PET-Flaschen
sollen besondere Akzente bei der
Nachhaltigkeit gesetzt werden.
(Foto: Brigl & Bergmeister)
3. Wie könnte die Verpackung das Produktmarketing in Zukunft noch deutlicher unterstützen?
Aus unserer Sicht werden ganz besonders zwei Faktoren die Verpackung entscheidend beeinflussen:
a) Nachhaltigkeit besonders in Bezug auf Ökologie. Immer mehr Menschen
sind umweltbewusst und entscheiden entsprechend. „Global warming“ wird
uns regelmäßig in Form von schrecklichen Katastrophen, die weltweit
berichtet werden, bewusst. Auf der anderen Seite möchte die
überwiegende Anzahl von Konsumenten auch nicht verzichten. In diesem
Spannungsfeld wird es darauf ankommen, intelligente umweltschonende
Herstellprozesse einzusetzen, schonend mit den vorhandenen Ressourcen
umzugehen und Verpackungen einzusetzen, die vernünftig wiederverwendet
werden können.
b) Verpackungen, die einer älter werdenden Gesellschaft gerecht werden.
Das stellt Herausforderungen an die Konvenienz, also praktischere
Handhabung. Das bedeutet einfaches Öffnen und Wiederverschliessen,
Single Service zur Vermeidung von Abfall etc., sowie die bessere
Lesbarkeit der Informationen.
Zurück zum Überblick über die Interview-Partner
|